Nachruf auf Prof. Dr. med. Jörg Baltzer
Wir nehmen Abschied vom ehemaligen Direktor der Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe des heutigen Helios Klinikum Krefeld, Prof. Dr. med. Jörg Baltzer. Im Alter von 84 Jahren ist Professor Baltzer am 27. April 2026 verstorben. Mit ihm verliert die deutschsprachige Gynäkologie und Geburtshilfe einen herausragenden Vertreter des Fachgebietes, der klinische Exzellenz, wissenschaftliche Neugier und humanistische Bildung in beispielhafter Weise miteinander verbunden hat. Für die DGGG haben Prof. Dr. Michael Friedrich (Krefeld) und Prof. Dr. Gert Naumann (Erfurt) den Nachruf verfasst.
Jörg Baltzer wurde am 11. Oktober 1941 in Wuppertal geboren. Nach dem Studium der Medizin, das er 1967 mit der Promotion an der Universität Düsseldorf abschloss, verbrachte er eine für ihn prägende Zeit am Institut für Pathologie der Stadt Wuppertal bei Prof. Dr. G. Liebegott. Im Anschluss setzte er sich in Konstanz bei Prof. Dr. Weisschedel mit den Präparationstechniken der Chirurgie auseinander, bevor es ihn an die Medizinische Klinik der Universität Tübingen zu Prof. Dr. Hans Erhard Bock und dessen unschätzbaren Erfahrung in der klinischen Diagnostik zog. Obgleich sich für Jörg Baltzer in Tübingen die Option der Habilitation bot, entschloss er sich, zu seinem für ihn später bedeutenden Lehrer, Prof. Dr. Josef Zander, an die Universitätsfrauenklinik Heidelberg zu wechseln, um dort die Facharztausbildung und seine wissenschaftliche Laufbahn zu beginnen. Als Prof. Dr. Josef Zander den Ruf auf den Lehrstuhl der Ludwig-Maximilians-Universität erhielt, folgte er ihm nach München, wo er 1979 über die überregionale Auswertung von Zervixkarzinomen (Erlangen, München, Graz) das Zervixkarzinom habilitierte. Hierdurch entstand auch ein intensiverer Austausch mit Prof. Dr. Erich Burghardt aus Graz. Seine Habilitationsschrift wurde 1981 mit dem Georg-Zimmermann-Förderpreis für Krebsforschung der Medizinischen Hochschule Hannover ausgezeichnet. 1984 wurde er zum leitenden Oberarzt der 1. Universitätsfrauenklinik in München ernannt. Als Nachfolger von Prof. Dr. Paul-Georg Knapstein war er von Juli 1989 bis zu seiner Emeritierung im Jahr 2006 Direktor der Frauenklinik am Klinikum Krefeld. Zudem war er von 1998 bis 2000 Ärztlicher Direktor des Klinikums.

Jörg Baltzer hat über 500 wissenschaftliche Publikationen geschrieben und unzählige Vorträge gehalten. Er war Herausgeber mehrerer klassischer Standardwerke im Bereich der Frauenheilkunde, wie beispielsweise „Praxis der Gynäkologie und Geburtshilfe“ und „Praxis der gynäkologischen Onkologie“. Des Weiteren hatte er 45 Jahre aktiv an der Gestaltung der Zeitschrift „Geburtshilfe und Frauenheilkunde“ in verschiedenen Bereichen mitgearbeitet, deren Gestaltung übernommen und die Zeitschrift als ein kontinuierlicher, verlässlicher Partner mitgestaltet. Als Mitherausgeber hat er maßgeblich zur Entwicklung der GebFra beigetragen.
Mehr als 15 Promotionen hat Jörg Baltzer neben seinem klinischen Alltag begleitet. Einzigartig war sein Engagement im Bereich der Fort- und Weiterbildung. Er war Urheber des Gedankens eines Weiterbildungsseminars für Assistentinnen und Assistenten im letzten Weiterbildungsjahr zum Facharzt für Frauenheilkunde, was seine Frauenklinik zu einem überregional anerkannten Standort der Ausbildung hat werden lassen. Im Rahmen der von Jörg Baltzer ins Leben gerufenen „Krefelder Weiterbildungsseminare“ waren die Teilnehmer immer wieder aufs Neue beeindruckt von seiner regen Diskussionsfreudigkeit und außerordentlichen Eloquenz, ganz geschweige von seinem Beitrag an fachlicher Kompetenz und seiner Fähigkeit, interdisziplinäre Zusammenarbeit herauszufordern und zu optimieren. Gebührend unterstrichen wurden seine Leistungen in der Verleihung des Fortbildungspreises des Berufsverbandes der Frauenärzte im Jahr 2005.
Sein enormes klinisches Wirken hatte die Krefelder Frauenklinik überregional zu einer Klinik mit großer Reputation werden lassen. Unter seiner Leitung wurde die Frauenklinik zum Perinatalzentrum der höchsten Stufe ernannt. Im Jahr 2000 erfolgte die Auszeichnung als „Babyfreundliches Krankenhaus“. Hier gehörte das Klinikum Krefeld zu den Gründungsmitgliedern des Vereins zur Unterstützung der WHO/Unicef-Initiative „Babyfreundliches Krankenhaus“ (BFHI) e. V. und erhielt die Ehrenmitgliedschaft. Mit dem Aufbau des Brustzentrums im Klinikum Krefeld leistete Jörg Baltzer einen unverzichtbaren Beitrag für die Früherkennung und Behandlung von Brustkrebs. Eine seiner Errungenschaften war die Implementierung der „Strahlensprechstunde“, in der interdisziplinär das Pro und Kontra bei onkologischen und gynäkologischen Fragestellungen diskutiert wurde. In dieser Sprechstunde konnte eine Zweitmeinung erfragt werden, noch bevor „Tumorboards“ eingeführt wurden. Ebenfalls einzigartig war der durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft unterstützte Aufbau eines Patientenlernzentrums, bei dem Patientenangehörige über eine Woche hinweg zu Themen rund um die Erkrankung und zur Therapie aufgeklärt wurden. Unter seiner Ägide wurde die Frauenklinik zu einer onkologischen Schwerpunktklinik.
Alle Punkte zeugen nachträglich davon, dass Jörg Baltzer mit hoher Weitsicht Bereiche in seiner Klinik bereits Jahre zuvor etabliert hatte, bevor diese heute in vielen Kliniken das Gebot der Stunde sind.
Jörg Baltzer war Mitglied zahlreicher in- und ausländischer Fachgesellschaften. Besonders hervorzuheben ist die „Society of Pelvic Surgeons“. 2006 wurde er Präsident des „Education Board“ dieser Gesellschaft. 1999 wurde Jörg Baltzer Mitglied der Interdisziplinären Studiengesellschaft e. V. (ISG), in der er zunächst 2003 als Beirat für Medizin der ISG und später ab 2008 als deren 2. Vorsitzender den Wissenschaftsstandort Deutschland im Ausland repräsentierte. Ein wichtiges Anliegen war ihm die Aussöhnung mit Polen. So rief er die Zusammenarbeit mit Gynäkologinnen und Gynäkologen in Polen ins Leben und setzte so die Kooperationen zwischen deutschen und polnischen Universitäten auf diesem Gebiet in Gang.
Aufgrund seiner vielfältigen Verdienste für das Fachgebiet der Frauenheilkunde wurde Jörg Baltzer nicht nur die Ehrenmitgliedschaft der Niederrheinisch-Westfälischen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe zuteil, sondern er war auch zum Ehrenmitglied der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe e.V. auf der Jahrestagung 2008 in Hamburg ernannt worden.
Neben all diesen enormen Verdiensten um das Fachgebiet war es Jörg Baltzer gelungen, ebenso außergewöhnliche wie einzigartige Projekte ins Leben zu rufen. Ein besonderes wichtiges Anliegen war ihm die Grablegung totgeborener Kinder. Durch sein Einwirken wurde zusammen mit unterschiedlichsten Konfessionen ein Grabfeld mit einem geweihten Gedenkstein „Für unsere Kinder“ errichtet. Aber auch die früh ins Leben gerufene Zusammenarbeit mit dem Red Cross Hospital in Hangzhouh, China, lag ihm sehr am Herzen, bei der ein Austausch der Erfahrungswerte traditioneller chinesischer Medizin und konventionell westlicher Medizin in den Krankheitsbildern der Gynäkologie durch regelmäßige gegenseitige Besuche und Hospitationen gelebt wurde.
Was für eine außergewöhnliche Persönlichkeit Jörg Baltzer darstellte, kam bei seiner Verabschiedung zum Ausdruck, als er als „Leuchtturm“ bezeichnet wurde, der 24 Stunden am Tag sein Licht ausstrahlt. Es ist sicherlich eine schöne Symbolik, mit der man sein Schaffen und Wirken in den vielen Jahren beschreiben kann. Es war nie eine Fata Morgana, wenn Jörg Baltzer morgens um 6 Uhr bereits im Gebäude der Frauenklinik gesehen wurde und wenn in seinem Arbeitszimmer nach 22 Uhr immer noch das Licht brannte. Jörg Baltzer war immer erreichbar und ansprechbar für seine Mitarbeiter, für seine Patientinnen und deren Angehörige und für Kollegen.
Aufgrund seiner enormen Verdienste für das Fachgebiet der Frauenheilkunde, aber auch insbesondere aufgrund seines außergewöhnlichen Engagements jenseits fachlicher Themen wurde ihm im Jahr 2010 das Bundesverdienstkreuz Erster Klasse der Bundesrepublik Deutschland verliehen.
Bei all seinen Auszeichnungen und all seinem Engagement war Jörg Baltzer immer Mensch und stets sich selbst und seinen Überzeugungen treu geblieben. Wir erinnern uns mit Respekt und großer Dankbarkeit an sein Lebenswerk. Unser Mitgefühl und unsere tiefe Verbundenheit gelten seiner Familie.
Für die DGGG
Prof. Dr. Michael Friedrich und Prof. Dr. Gert Naumann
Pressestelle
Sara Schönborn | Heiko Hohenhaus | Manuela Rank | Melanie Herberger
Pressestelle Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe e. V.
Jägerstraße 58-60
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Telefon: +49 (0)30-514 88 3333
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