Nachruf auf DGGG-Pastpräsident Prof. Dr. Hans Ludwig
Der Gynäkologe und Geburtshelfer Prof. Dr. med. Hans Ludwig, DGGG-Präsident von 1986 bis 1988, ist am 13. Januar 2026 im Alter von 96 Jahren verstorben. Mit ihm verliert die deutschsprachige Gynäkologie und Geburtshilfe einen herausragenden Vertreter einer Generation von Hochschullehrern, die klinische Exzellenz, wissenschaftliche Neugier und humanistische Bildung in beispielhafter Weise miteinander verbunden haben. Den Nachruf auf Prof. Ludwig haben im Namen der DGGG Prof. Dr. Rainer Kimmig und Prof. Dr. Hermann Hepp verfasst.
Hans Ludwig wurde am 17. Oktober 1929 in Warnsdorf (Nordböhmen) geboren. Seine Jugend war geprägt von den politischen Umbrüchen der Zeit, die viele Angehörige seiner Generation zur Mobilität zwangen. Sein Medizinstudium absolvierte Hans Ludwig an den Universitäten Düsseldorf, Marburg, Tübingen, Basel und der LMU München. Diese breite akademische Ausbildung vermittelte ihm eine vielseitige medizinische Perspektive und brachte ihn früh mit verschiedenen wissenschaftlichen Traditionen der europäischen Universitätsmedizin in Berührung.
Nach dem Staatsexamen folgten Ausbildungsjahre in mehreren klinischen Fächern – unter anderem Chirurgie, Innere Medizin und Pathologie, bevor er sich endgültig der Frauenheilkunde zuwandte, wozu ihn wesentlich sein Lehrer Theodor Koller an der Universtätsfrauenklinik Basel in den frühen 1960er-Jahren angeregt hatte. Seine weitere klinische und wissenschaftliche Ausbildung erhielt Hans Ludwig an der I. Frauenklinik der Universität München unter Leitung seines Lehrers Prof. Werner Bickenbach. Im Rahmen seiner Promotion „Elektronenmikroskopische Untersuchungen am menschlichen Endometrium“ entwickelte er seine Begeisterung für Morphologie und Funktion des Endometriums und die Reproduktionsbiologie. Aber auch geburtshilfliche Themen zogen ihn frühzeitig in ihren Bann. Bereits 1966 habilitierte er sich zum Thema „Mikrozirkulationsstörungen und Diapedeseblutungen im fetalen Gehirn bei Hypoxie“, womit er die Grundlage für eine universitäre Karriere in der Gynäkologie und Geburtshilfe legte.

1972 wurde Hans Ludwig zum Professor für Gynäkologie und Geburtshilfe und Direktor der Universitätsfrauenklinik an die damalige Medizinische Fakultät der Universität Duisburg‑Essen in Nachfolge von Prof. Heinz Nordmeyer berufen.
Passionierter Gynäkologe, Geburtshelfer und Wissenschaftler
Die erst 1963 gegründete medizinische Fakultät der Universität Essen war noch im Aufbau universitärer Strukturen, die Hans Ludwig mit großem Geschick und Engagement weiterentwickelte. Er vernetzte Laborforschung und klinische Forschung und legte großen Wert auf eine wissenschaftliche Ausbildung aller seiner Mitarbeiter. So entstanden Forschungsschwerpunkte über die Breite des Fachs. Geburtshilflich lagen ihm besonders die Erforschung und Behandlung von Schockgeschehen und Gerinnungsstörungen in Schwangerschaft und Geburt am Herzen. In der operativen Gynäkologie die Weiterentwicklung operativer Techniken, insbesondere bei onkologischen und reproduktionsmedizinischen Fragestellungen. Besonders stolz war er auf die Weiterentwicklung der elektronenmikroskopischen Untersuchung von Endometrium, Plazenta und Amnion, die grundlegende Erkenntnisse über Strukturveränderungen während der Schwangerschaft lieferten. Er selbst bezeichnete die Essener Zeit als seine wissenschaftlich aktivste und diese nahm auch in seiner Erinnerung stets einen besonderen Stellenwert ein.
In diese Zeit fällt auch der Beginn seiner Aktivitäten zur internationalen Vernetzung des Faches durch Einbindung in internationale Gesellschaften und Repräsentation der deutschen Frauenheilkunde und Geburtshilfe. Später war er Mitglied des Präsidiums der European Association of Gynaecology and Obstetrics und des Executive Boards der FIGO.
1982 wurde Hans Ludwig auf den Lehrstuhl für Frauenheilkunde und Geburtshilfe der Universiät Basel in Nachfolge von Otto Käser berufen, wo er von 1982 bis 1990 als Klinikdirektor und von 1989-1995 als Studiendekan wirkte. Er empfand die Rückkehr nach Basel als das Schließen eines beruflichen Lebenskreises, hatte doch hier seine Begeisterung für das Fach Frauenheilkunde und Geburtshilfe mit Prof. Theodor Koller ihren Anfang genommen. Akademische Strenge, internationale Orientierung, Verbindung von Klinik, Forschung und Lehre und Interesse an Medizin-Geschichte und Ethik waren die Elemente, die Hans Ludwig aus der Basler Schule mitgenommen und die sich wie ein roter Faden durch sein Berufsleben zogen.
„Menschlichkeit unter der Geburt”: DGGG-Kongress 1988 organisiert
Zurück in Basel blieb er seiner wissenschaftlichen Agenda treu. Er entwickelte die von Theodor Koller und Otto Käser aufgebaute Basler Schule weiter und vertiefte die Forschung, die interdisziplinäre Vernetzung und Internationalisierung. In diese Zeit fällt seine Mitgliedschaft im Executive Board der FIGO und seine Präsidentschaft der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe e.V. von 1986 bis 1988. Das Motto seines wissenschaftlichen Kongresses 1988 in München „Menschlichkeit unter der Geburt“ trug der zunehmenden Technisierung der Geburtshilfe und dem Erhalt echter menschlicher Zuwendung Rechnung.
Nach Abgabe der Klinikdirektion engagierte sich Hans Ludwig als Studiendekan, seiner Leidenschaft für die Lehre und wissenschaftliche Ausbildung folgend, indem er im Rahmen einer Studienreform Lehre sehr viel praktischer, aber auch wissenschaftlich fundierter umgestaltete. Seine Beiträge zur einem neuen, auf moderne Anforderungen ausgerichteten Ausbildungscurriculum wirkte weit über die Basler Grenzen hinaus und setzte wesentliche Impulse für die gesamte Schweiz.
Generationen von Ärztinnen und Ärzten geprägt
Prof. Ludwig war eine außergewöhnliche Persönlichkeit – ein Gelehrter, Kliniker und Lehrer, der Generationen von Ärztinnen und Ärzten geprägt hat. Für viele von uns, die ihm im Laufe unseres beruflichen Weges begegnen durften, war er weit mehr als ein akademischer Lehrer: Er war ein Gesprächspartner, ein intellektueller Anreger und ein Repräsentant jener humanistisch geprägten Universitätsmedizin, die das Fach über Jahrzehnte getragen hat.
Wir erinnern uns an Hans Ludwig als einen Arzt, dessen Denken stets über die unmittelbare klinische Fragestellung hinausging. Seine Antworten waren selten kurz – nicht, weil er umständlich gewesen wäre, sondern weil er die Dinge in einen größeren Zusammenhang stellen wollte. Die Medizin, so war seine Überzeugung, könne nur verstanden werden, wenn man ihre Geschichte kenne. Hans Ludwig war geprägt von einer seltenen Verbindung aus klinischer Erfahrung, wissenschaftlicher Neugier und historischem Denken. In Vorträgen, Aufsätzen und Gesprächen betonte er immer wieder die Bedeutung der Geschichte und der akademischen Verantwortung in der Medizin.
Schüler zitieren ihn:
„Eine Medizin, die ihre Geschichte vergisst, verliert auch einen Teil ihrer Identität.“
„Die wichtigste Fähigkeit eines Arztes ist nicht die Antwort, sondern die Fähigkeit, die richtige Frage zu stellen.“
„Universitätsmedizin besteht nicht nur aus Behandlung – sie besteht aus Forschung, Lehre und Verantwortung für die Zukunft des Faches.“
„Technischer Fortschritt ist wertvoll – aber er kann ärztliches Urteil niemals ersetzen.“
„Der Lehrer soll nicht nur Wissen vermitteln, sondern den Wunsch wecken, mehr wissen zu wollen.“
„Die Medizin war immer eine internationale Wissenschaft – ihre besten Ideen kennen keine Grenzen.“
„Im Mittelpunkt aller medizinischen Wissenschaft steht immer der einzelne Mensch“
Mit dem Tod von Prof. Dr. med. Hans Ludwig verliert die Frauenheilkunde eine Persönlichkeit, die für viele Generationen von Ärztinnen und Ärzten mehr war als ein Hochschullehrer. Für seine Schüler und Kollegen war er ein akademischer Mentor, ein Gesprächspartner von außergewöhnlicher Bildung und ein Vertreter jener klassischen Universitätsmedizin, in der klinische Erfahrung, wissenschaftliche Reflexion und historische Bildung untrennbar miteinander verbunden waren.
Lieber Hans, wir danken Dir, dass Du Dein Leben in den Dienst der Frauenheilkunde gestellt hast; Du hast dauerhafte Spuren hinterlassen.
Rainer Kimmig und Hermann Hepp für die DGGG
Pressestelle
Sara Schönborn | Heiko Hohenhaus | Manuela Rank | Melanie Herberger
Pressestelle Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe e. V.
Jägerstraße 58-60
10117 Berlin
Telefon: +49 (0)30-514 88 3333
E-Mail: Bitte aktivieren Sie JavaScript, um diesen Link anzuzeigen!