Leitlinie aktualisiert: Interdisziplinäre Diagnostik und Therapie vor der Anwendung medizinisch assistierter Reproduktionsverfahren (MAR)

In der überarbeiteten S2k-Leitlinie „Diagnostik und Therapie vor einer medizinisch assistierten Reproduktionsbehandlung" wurden die Empfehlungen zur Beratung, Diagnostik und Therapie bei Kinderwunsch vor der Anwendung medizinisch assistierter Reproduktionsverfahren (MAR) aktualisiert. Ziel ist eine interdisziplinär abgestimmte Kinderwunschdiagnostik und -therapie.

Die aktualisierte Leitlinie hat eine interdisziplinär abgestimmte Kinderwunschdiagnostik und -therapie zum Ziel.
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Ungefähr 5-8 Prozent der Paare mit Kinderwunsch sind weltweit ungewollt kinderlos.

Berlin, im September 2026 – Weltweit sind etwa 5-8 Prozent der Paare mit Kinderwunsch ungewollt kinderlos, gut die Hälfte davon nimmt reproduktionsmedizinische Hilfe in Anspruch. Bei rund 80 Prozent der Paare tritt nach zwölf Monaten mit regelmäßigem, ungeschütztem Geschlechtsverkehr eine Schwangerschaft ein; bei 5-15 Prozent wird eine weiterführende Diagnostik notwendig. Als Ursachen kommen sowohl bei der Frau als auch beim Mann zahlreiche Risikofaktoren infrage.

Unter Federführung der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe e.V. (DGGG) haben die Beteiligten – unter anderem aus Urologie, Endokrinologie, Andrologie und Humangenetik – die S2k-Leitlinie überarbeitet. Im Rahmen einer strukturierten Konsensuskonferenz wurden 124 Empfehlungen und 9 Statements verabschiedet. Die neue Version löst die Erstfassung aus dem Jahr 2019 ab und gilt bis März 2031. Sowohl auf dem Gebiet der weiblichen als auch der männlichen Risikofaktoren wird eine Bandbreite an diagnostischen evidenz-basierten diagnostischen Abklärungen sowie die gezielte therapeutische Vorgehensweise erörtert.  Diese umfassen neben endokrinologischen und immunologischen auch genetische Ursachen bei Frau und Mann.

Interdisziplinäre Begleitung von betroffenen Paaren bei unerfülltem Kinderwunsch
Die Begleitung von Paaren mit unerfülltem Kinderwunsch vor einer MAR ist eine komplexe interdisziplinäre Aufgabe. Trotz der Vielzahl bekannter möglicher Ursachen bleibt bei etwa einem Drittel der Paare die Ursache der Kinderlosigkeit ungeklärt. Gleichzeitig ist ein unerfüllter Kinderwunsch für viele Betroffene noch immer mit Scham und Tabuisierung verbunden. Manche Paare suchen erst spät professionelle Unterstützung, hier sind Frauen- und Hausärztinnen/-ärzte beziehungsweise Androloginnen/-logen sowie Urologinnen/-logen die ersten Anlaufstellen. Die neue Leitlinie bietet diesen und weiteren Zielgruppen evidenzbasierte Empfehlungen für die Beratung, die strukturierte diagnostische Abklärung und die weitere Behandlung und schafft damit eine gemeinsame Grundlage für die interdisziplinäre Versorgung von Paaren mit unerfülltem Kinderwunsch.

Neue Begrifflichkeit für ein breiteres Themenspektrum
Mit der Überarbeitung ändert sich auch der Titel der Leitlinie: Statt vom bisherigen Begriff „assistierte Reproduktionstechniken (ART)" ist nun – wie international üblich – von „medizinisch-assistierten Reproduktionsverfahren (MAR)" die Rede. Während ART vor allem technische Verfahren wie IVF oder ICSI umfasst, werden mit MAR die ganze Bandbreite medizinischer Maßnahmen zur Unterstützung der Fortpflanzung abgedeckt – von hormonellen und chirurgischen Therapien über das Zyklusmonitoring bis zur genetischen und infektiologischen Abklärung. Der neue Name spiegelt damit das breitere thematische Spektrum der Leitlinie – auch in der klinischen Versorgungsrealität – wider.

Diagnostischer und zeitlicher Ablauf einer Abklärung bei Kinderwunsch
Neu in der Leitlinie ist eine klare zeitliche Vorgabe für den diagnostischen Beginn der Abklärung einer Unfruchtbarkeit: 

  • Bei Frauen unter 35 Jahren soll die Abklärung einer Infertilität nach 12 Monaten erfolgen, 

  • bei Frauen über 35 Jahren soll die Abklärung einer Infertilität nach 6 Monaten erfolgen,

  • Frauen über 40 Jahren sollen umgehend an einem reproduktionsmedizinischen Zentrum vorgestellt werden.

Hintergrund ist der altersabhängige Rückgang der weiblichen Fruchtbarkeit ab dem 35. Lebensjahr. Außerdem sollen Frauen über 40 Jahre gezielt über das altersbedingt erhöhte Risiko für Schwangerschaftskomplikationen aufgeklärt werden.

„Eine frühzeitige, altersadaptierte Diagnostik gibt Paaren mit Kinderwunsch die Zeit, die angesichts der sinkenden Eizellqualität entscheidend sein kann – insbesondere mit Blick auf das zunehmend höhere Alter bei Erstgebärenden. Die überarbeitete Leitlinie hilft Ärztinnen und Ärzten aller beteiligten Fachdisziplinen, diese Zeit von Anfang an sinnvoll zu nutzen.“

Prof. Dr. Bettina Toth,
Leitlinienkoordinatorin

 

Lebensstil und Kinderwunsch
Die neue Leitlinie äußert sich auch konkret zu Lebensstilfaktoren, die eine Infertilität beeinflussen können: Insbesondere die Faktoren Stress, Koffein-, Nikotin-, Alkohol-, Drogen- und Medikamentenabusus sowie Adipositas und andere Essstörungen werden aufgegriffen. Auch (Leistungs-)Sport sowie Vitamine und Nahrungsergänzungsmittel werden thematisiert. Dabei wird die verfügbare Evidenz differenziert betrachtet, denn aktuell gibt es noch keine umfassenden randomisierten klinischen Studien zum Effekt der Lebensstilfaktoren auf die Fruchtbarkeit. Für die Beratung von Paaren mit Kinderwunsch ist insbesondere die Identifikation potenziell modifizierbarer Einflussfaktoren relevant. Bei der ärztlichen Anamneseerhebung sollen daher relevante Risikofaktoren wie Nikotin-, Drogen- und Alkoholkonsum sowie das Essverhalten und eine intensive sportliche Betätigung explizit erfasst werden. Im Erstgespräch soll dem Paar ein Hinweis auf den häufig negativen Einfluss von Über- und Untergewicht auf die Ovulation und Fertilität gegeben werden. Als Nahrungsergänzung sollen Frauen vor der Kinderwunschbehandlung täglich mindestens 400 µg Folsäure einnehmen.

Angeborene und erworbene genitale Anomalien sowie immunologische Faktoren differenziert betrachten
Ein eigenes Kapitel widmet sich der Diagnostik und Therapie angeborener und erworbener genitaler Anomalien, die die Fruchtbarkeit oder den Verlauf einer Schwangerschaft beeinflussen können. Dazu zählen unter anderem angeborene Fehlbildungen der Gebärmutter sowie erworbene Veränderungen wie Myome, Polypen, intrauterine Adhäsionen oder Veränderungen der Eileiter. Je nach Befund kommen Sonographie, Hysteroskopie und Laparoskopie zum Einsatz. Bei komplexen angeborenen Fehlbildungen kann eine MRT-Diagnostik ergänzend durchgeführt werden.

Ausführlich behandelt werden zudem immunologische Faktoren: Die Leitlinie ordnet Diagnostik und Vorgehen bei Autoimmunerkrankungen wie dem Antiphospholipid-Syndrom und Lupus erythematodes ein, geht auf weitere immunologische Erkrankungen wie rheumatoide Arthritis, chronisch-entzündliche Darmerkrankungen und Multiple Sklerose im Kontext eines Kinderwunsches ein und thematisiert unter anderem auch die präkonzeptionelle Abklärung des Impfstatus.

Die Leitlinie richtet sich ausdrücklich an alle Paare mit unerfülltem Kinderwunsch, unabhängig von deren Geschlechtsidentität; auch die Situation gleichgeschlechtlicher weiblicher Paare mit Spendersamen wird berücksichtigt.

Leitlinien sind Handlungsempfehlungen. Sie sind rechtlich nicht bindend und haben daher weder haftungsbegründende noch haftungsbefreiende Wirkung.

Die vollständige Leitlinienfassung finden Sie hier.

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