DGGG-Kongress 2012 - Warum die Frauenquote in der Frauenheilkunde nicht funktioniert

PRESSEMITTEILUNG DER DEUTSCHEN GESELLSCHAFT FÜR GYNÄKOLOGIE UND GEBURTSHILFE E.V. (DGGG)

Berlin, im

Auf vier Ärztinnen, die die Facharztprüfung zur Gynäkologie und Geburtshilfe ablegen, kommt nur noch ein Mann. Kein anderes medizinisches Fach hat eine so hohe Frauenquote. Trotzdem funktioniert die Frauenquote in diesem Fach nicht. In verantwortlichen Positionen (Chefarzt/-ärztin, Direktor/in) liegt laut Mitgliederstatistik der DGGG der Frauenanteil bei 12 Prozent.

Die Mitgliederzahlen der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG) bestätigen die Zahlen der Bundesärztekammer:  80% der Mitglieder unter 35 Jahren sind weiblich. Aber Frauen kommen nicht auf der Leitungsebene an. Obwohl inzwischen von etwa 800 Chefarztstellen in der Frauenheilkunde in Deutschland knapp 100 nicht besetzt; männlich dominierte Netzwerke, in denen Frauen beim Aufstieg an die „glass ceiling“, die gläserne Zimmerdecke, stoßen würden, fallen als Ursache hier also weg.  

„Hier kommen mehrere Entwicklungen zusammen“, erläuterte Dr. Babett Ramsauer, Vorsitzende der Kommission Familie und Karriere, auf dem 59. Kongress der Fachgesellschaft am 12. Oktober in 2012 in München. „Ärztinnen und ebenso Ärzte, die in ihrer Familie für Kinder Verantwortung tragen, können Stellen mit 50-Stunden-Wochen, ungeplanten Überstunden und langen Wochenenddiensten nicht annehmen. Häufig sind dann nur noch Teilzeitstellen möglich, die mit den Öffnungszeiten von Kindergarten, Schule und Hort vereinbar sind. Häufig scheint es dann nicht mehr denkbar, einen Dienst- und Operationsplan nach solchen Bedürfnissen auszurichten – geschweige denn unter solchen Bedingungen Karriere zu machen.“ Genau dieses Problem sieht auch Prof. Dr. med. Klaus Friese, Präsident der Fachgesellschaft. Er stellte in seiner Rede zur Eröffnung des Kongresses fest: „Der hohe Frauenanteil in unserem Fach heißt auch, neue Arbeitszeitmodelle für die Kliniken zu entwickeln, die ja schon seit Jahren angemahnt werden. Assistentinnen oder Frauenärztinnen müssen in Zeitabschnitten arbeiten können, in denen Schwangerschaft und Kinderbetreuung möglich ist, ohne ihre berufliche Qualifizierung zu gefährden. Warum soll in Zukunft nicht z. B. eine Chefarztstelle von zwei Chefärztinnen – oder auch von zwei Chefärzten - in einem Teilzeitprogramm übernommen werden? Mir ist natürlich klar, dass durch solche Arbeitszeitmodelle auch Verluste entstehen können, wie Informationsverlust, Verantwortungsverlust oder Kooperationsmängel. Wenn andererseits diese oder ähnliche Konzepte nicht greifen, wird es in Zukunft -  wie schon jetzt absehbar - nicht mehr ausreichende Persönlichkeiten geben, die Führungspositionen als Chefärztin oder Ordinaria bzw. als Chefarzt oder Ordinarius übernehmen können.“

Und Bundesministerin Ursula von der Leyen, die als Festrederin zur Eröffnung des Kongresses eingeladen war, stellte fest: „Familie und Karriere, das ist ein ‚Sowohl-Als Auch‘ und kein ‚Entweder-Oder‘. Denn ‚Entweder-Oder‘ würde bedeuten, dass eine Frau auf eines von beiden verzichten müsste, entweder auf die Kinder oder auf die Karriere. Und das können wir uns angesichts der demographischen Entwicklung nicht mehr leisten. Wir brauchen hochqualifizierte Ärztinnen, die nach der Elternzeit wieder engagiert in die Kliniken zurückkommen, und wir brauchen ebenso ihre Kinder.“ Krankenhäuser müssten sich organisatorisch darauf einstellen, geeignete Arbeitsbedingungen für Ärztinnen und Ärzte zu schaffen, die neben ihrer Kliniktätigkeit zeit- und kraftraubende familiäre Verpflichtungen haben, sei es in der Sorge für die Kinder oder in der Betreuung pflegebedürftiger Eltern, und sie in dieser Situation wertschätzen und unterstützen. „Die Dinge sind das, was wir daraus machen“, so von der Leyen. „Wenn eine solche familiäre Verpflichtung nicht mehr Grund für Vorwürfe ist, sondern für Respekt und Anerkennung, dann mache ich mir keine Sorgen um dieses Land.“ 

Umdenken in den Strukturen, diesen Impuls greift Dr. Ramsauer auf: „Bei einem Frauenanteil von 80% auf unseren Stationen, von denen oft die Hälfte schwanger ist oder Kinder hat, können Ganztags-Arbeitsplätze nicht mehr die Regel sein. Wir müssen uns umstellen und eine ganz neue Art von verlässlicher Flexibilität lernen.  Das fällt Männern wie Frauen in Führungspositionen oft noch schwer. Den Schlüsselbegriff nennt Bundesministerin von der Leyen: Wenn wir in der Klinik Kolleginnen und Kollegen, die in ihrer Lebensplanung Familie und Karriere vereinbaren wollen, wertschätzen, dann werden wir gute Lösungen finden, und dann werden wir sicher irgendwann auch in den Führungspositionen in der Frauenheilkunde bei einer respektableren Frauenquote ankommen.“

 

 

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