Das historische Objekt im Fokus

Zeugnis einer vergessenen Operation

Historische Doktorarbeiten als Quellen medizinhistorischer Forschung
Verbesserte Rahmenbedingungen durch Aseptik, Antiseptik und Anästhesie ermöglichten am Übergang vom 19. zum 20. Jahrhundert in der Frauenheilkunde die Entwicklung umwälzender operativer Verfahren. Zu nennen sind hier vor allem die mit den Namen von Ernst Wertheim (1864-1920) und Friedrich Schauta (1849-1919) verbundenen Fortschritte in der Chirurgie gynäkologischer Krebserkrankungen; aber auch die Geburtshilfe profitierte: der zuvor fast immer tödliche, abdominale Kaiserschnitt (Sektio) wurde zunehmend zu einem “lebenssicheren” Eingriff (Max Sänger,1853-1903; Adolf Kehrer, 1837-1914). Zeugnis von einer damals ebenfalls ausgearbeiteten, heute aber fast völlig vergessenen Operation legt nebenstehend abgebildete, 1899 veröffentlichte Doktorarbeit ab (Abb. 1).

Mehr als ein Jahrhundert später dürfte für die meisten jüngeren Frauenärztinnen und Frauenärzte vor allem der titelgebende Begriff “Sectio caesarea vaginalis” überraschend sein, steht doch die Sectio caesarea heute ausschliesslich für eine Entbindung per Bauchschnitt. Tatsächlich liegt der Dissertation von Hugo Riegg (1869-?) aber eine 1895 von Alfred Dührssen (1863-1933) entwickelte operative Technik zugrunde, die es über den weniger infektionsgefährdeten natürlichen Geburtsweg ermöglicht, “[…] den Uterus zu jeder Zeit der Schwangerschaft oder Geburt, wenn nötig, im Laufe einer Viertelstunde zu entleeren” (Ernst Bumm, 1914).  Voraussetzung für den in der vorantibiotischen Zeit über mehrere Jahrzehnte durchaus populären vaginalen Eingriff war allerdings, dass kein geburtshilfliches Missverhältnis zwischen dem Kind und dem mütterlichen Becken vorlag. 

Die Arbeit von Riegg kann nach Umfang, Gliederung und Inhalt als ein Exempel zeitgenössischer medizinischer Dissertationen angesehen werden. Sie dient der Darstellung und Diskussion einer neuen Behandlungsmethode anhand eines neuen und dreier bereits publizierter Fälle unter einem besonderen Aspekt: ihrer Brauchbarkeit für die Entwicklung eines reifen Kindes. Daneben werden grundsätzlich die Indikationen erörtert - vor allem in Abgrenzung zum klassischen Kaiserschnitt. Abschließend konstatiert Riegg, die vaginale Sektio könne “wegen ihrer relativen Ungefährlichkeit und schnellen Ausführbarkeit bei richtiger Indikationsstellung ausserordentlich viel Gutes leisten.”

Historische Dissertationen stellen in der Forschung zur Medizingeschichte seit langem eine wichtige Quelle dar - nicht zuletzt deshalb, weil sie im Anhang oft ein Curriculum vitae des Verfassers enthalten. Die Arbeit mit diesen Quellen soll jetzt durch ein von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördertes Digitalisierungsprojekt (Dissify) auf eine breitere Basis gestellt werden. Ein aktuelles Promotionsvorhaben in diesem Rahmen bearbeitet das Thema „Modernisierungsschübe in der Gynäkologie und Geburtshilfe im Spiegel von Dr. med. Dissertationen um die Jahrhundertwende 1900“ (Catalina Lüttmann Ruiz, Uni Düsseldorf).

Wolfgang Frobenius, Nils Hansson

Quellen
Riegg, Hugo: Ein neuer Fall von Sectio Caesarea Vaginalis. Tübingen
1899. Digitalisat: https://digital.zbmed.de/geburtshilfe/content/titleinfo/9388919
Dissify Digitalisierungsprojekt: https://www.zbmed.de/forschen/laufende-projekte/dissify

Abb. 1 Hugo Riegg war approbierter Arzt aus Ödheim bei Heilbronn, als er seine Arbeit einreichte. Leider enthält sie im Gegensatz zu anderen Dissertationen kein Curriculum vitae. Der in der Arbeit eingehend beschriebene neue Fall einer Sectio caesarea vaginalis war von seinem Doktorvater Albert Döderlein (1860-1941) operiert worden. Alfred Dührssen, nach einer akademischen Karriere an der Universität Inhaber einer Privatklinik in Berlin, wird zu den Begründern der modernen operativen Gynäkologie gezählt. Quelle der Abbildung: UB FAU Erlangen