Das historische Objekt im Fokus

“[…] bei dem besten Willen außer Stande […]”

Zur Geschichte des Dammschnittes und des dazugehörigen Instrumentariums

“Nur zu oft sieht sich der Geburtshelfer bei dem besten Willen außer Stande […] den Damm unverletzt zu erhalten. In einigen Fällen sieht man die Unmöglichkeit voraus und in diesen Fällen ist nach meinen Beobachtungen ein Schnitt in den Damm das sicherste Mittel um die völlige Durchreißung zu hindern […].” 

Diese Sätze des Harburger Arztes Gottfried Philipp Michaelis (1768-1811) in der entbindungskundlichen Zeitschrift “Lucina” von 1810 gelten weithin als erste publizierte Empfehlung zur Prävention schwerer und schwerster geburtshilflicher Verletzungen im Anogenitalbereich. Für den darin beschriebenen “Schnitt von ungefähr der Länge eines Zolles” bediente sich der Autor, Vater des berühmten Kieler Geburtshelfers Gustav Adolph Michaelis (1798-1848), eines speziellen Messers, das der englische Chirurg Percivall Pott (1714-1788) ursprünglich zur Behandlung von Fisteln entwickelt hatte. Charakteristisch für das sogenannte “Pottsche Bistouri” (auch: Pott'sches Bistoury) war seine spezielle Krümmung, wobei sich die Schnittfläche im Endbereich befand. Letzteres ist in der vorliegenden Abbildung allerdings nicht klar erkennbar (Abb. 1, Fig. 6).

Mit der Publikation von Philipp Michaelis begann die bis in die Gegenwart anhaltende wissenschaftliche Auseinandersetzung über die Episiotomie: ihre grundsätzliche Berechtigung, ihre Vor- und Nachteile, die Indikation und schließlich die Schnittführung. Kaum Gegenstand der Diskussion war das dazu erforderliche Instrument. Als Mittel der Wahl haben sich in der Folge offensichtlich vor allem Scheren mit geraden Branchen etabliert. Heute werden häufig Modelle benutzt, die wieder eine Krümmung aufweisen. H. Waldmann, über den sich die gängigen biografischen Nachschlagewerke ausschweigen, hat in den 1950er Jahren in der Universitäts-Frauenklinik Tübingen eine derartige Schere entwickelt und darüber 1958 im „Zentralblatt für Gynäkologie“ ausführlich berichtet (Abb. 2). Ihren Vorteil sah er darin, dass durch eine „Rückwärtswölbung der Schneideteile anatomische Anpassung an den Damm einerseits und an den kindlichen Kopf andererseits erreicht" werde. Die schlanke Innenbranche lasse sich „zwanglos zwischen Kopf und Beckenboden“ schieben. „Ein sondenartiger Knopf an der Spitze der Innenbranche bahnt dem inneren Schneideblatt ohne Verletzung der Vagina den Weg und macht es überflüssig, daß - wie man es oft sieht - zuerst 2 Finger als Leitschiene für das Scherenblatt eingeführt werden“, schrieb Waldmann. Als weitere Besonderheit nannte Waldmann in die Branchen eingeschliffene kleine Zacken, die dafür sorgten, dass die Schere nicht rückwärts abgleite. 

Die Episiotomie wird heute deutlich restriktiver eingesetzt als noch vor 20 bis 30 Jahren. Zu der unmittelbar nach der Publikation von Michaelis beginnenden kontroversen Diskussion über den Eingriff schrieb der bedeutende Geburtshelfer Justus Heinrich Wigand (1769-1817) in der 2. Auflage seines Hauptwerks “Die Geburt des Menschen”  schon 1839:   "So menschenfreundlich und so sehr auf gute chirurgische Ansichten und große geburtshülfliche Praxis [… ] gegründet nun auch dieser Vorschlag war, so fand derselbe doch (wie alles Neue in der Welt, besonders wenn es von Deutschen an Deutsche kommt) großen Widerspruch. […] Die über alles entscheidende Zeit wird am Ende nun auch wohl hier bestimmen müssen, ob Michaelis recht gesehen oder ob seine Gegner recht errathen haben…".

Wir danken Dr. Jan-Peter Siedentopf/ Berlin für den Hinweis auf Waldmanns Artikel. 

Matthias David, Wolfgang Frobenius

Literatur
Michaelis G Ph. Geburtsgeschichten. Lucina 1810; 6: 23‑36; https://babel.hathitrust.org/cgi/pt?id=chi.57144779&seq=31  
Waldmann H. Eine neue Episiotomieschere. Zentralbl Gynäkol 1958; 80 (30): 1184-1187 
David M, Ebert AD. „Man schützt den Damm am besten dadurch, daß man ihn einschneidet“ - medizinhistorische Anmerkungen zur Einführung und Verbreitung der Episiotomie. Geburtsh Frauenheilk 2017; 77 (01):41-44; DOI: 10.1055/s-0042-123032

Abb. 1 Die 1855 publizierte Abbildung zeigt als "Fig. 6" ein Exemplar des von dem englischen Chirurgen Percival Pott (1714-1788) im Jahr 1765 eingeführten Messers (Pott's bistoury), das ursprünglich vor allem für die Behandlung von Analfisteln gedacht war. Rechts und links ("Fig.5" und "Fig.7") sind von Zeitgenossen Potts entwickelte, ähnliche Instrumente zu sehen. Quelle: Bernard MM CH, Huette CH. Illustrated Manual of Operative Surgery. Bailliere: New York 1855, S. XXII-XXIII, Pl. XVI; https://archive.org/details/illustratedmanua00bern/page/n57/mode/2up

Abb. 2 Ausschnitt aus der Publikation von Waldmann aus dem Jahr 1958 mit einer Abbildung der nach ihm benannten Schere. Darüber gelegt im Vordergrund ein leicht modifiziertes, aktuell im Kreißsaal verwendetes Modell des Instrumentes. Über eine Zähnung der Schneide, die einen glatten Schnitt ermöglichen soll, verfügen beide Scheren.
Foto: M. David