Die Historische Kommission der DGGG

Die Historische Kommission in der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe e.V. (DGGG) fördert die sachkundige und kritische Beschäftigung mit allen Aspekten der Geschichte der Gynäkologie und Geburtshilfe. Im Mittelpunkt steht die Geschichte der 1885 gegründeten Fachgesellschaft und der in ihr handelnden Mitglieder. Wir regen einschlägige Forschungen an, unterstützen sie und führen sie selbst durch. Gerne stehen wir Ihnen in diesem Zusammenhang auch als Ansprechpartner zur Verfügung.

 

„Wer die Vergangenheit nicht kennt, wird die Zukunft nicht in den Griff bekommen.“

Golo Mann

Das historische Objekt im Fokus

Ein Praxisschild und seine Geschichte

Der stetige Rückgang der Hausgeburtshilfe zugunsten von Klinikentbindungen ließ in den 1970er Jahren Praxisschilder mit dem Hinweis „praktischer Arzt und Geburtshelfer“ aus dem öffentlichen Raum verschwinden. Zunehmend verblasst damit die Erinnerung an die bedeutende Rolle, die „Praktiker“ im Zusammenhang mit der Professionalisierung der Geburtshilfe in Deutschland gespielt haben, seitdem 1737/38 in Straßburg erstmals Medizinstudenten entsprechend ausgebildet worden waren und 1852 in Preußen mit dem „praktischen Arzt, Wundarzt und Geburtshelfer“ der staatlich geprüfte ärztliche Einheitsstand geschaffen wurde.

Viele der praktischen Ärzte waren Juden im Sinne der verbrecherischen nationalsozialistischen Rassenpolitik und wurden infolgedessen im „Dritten Reich“ verfolgt, entrechtet, ausgeplündert, zur Emigration gezwungen oder ermordet. Einer der wenigen, die durch glückliche Umstände den NS-Terror in ihrem Heimatland überlebten, war der Würzburger Dr. med. Hans Ikenberg (1900-1975). Gerettet haben ihn wohl vor allem seine Ehe mit der stets loyalen „Arierin“ Walburga (Wally) Krämer und der Umstand, dass seine Tätigkeit als „Krankenbehandler“ für Juden nach Entzug der Approbation 1938 lange unverzichtbar erschien. In den letzten Kriegsmonaten, als auch die zunächst nicht deportierten Würzburger Juden in das KZ Theresienstadt verschleppt wurden, entkam er dem gleichen Schicksal vermutlich nur durch die Vernichtung polizeilicher Unterlagen bei den alliierten Bombenangriffen auf Nürnberg und Würzburg.   

Unmittelbar nach Kriegsende nahm Ikenberg als einer der ersten Ärzte in Würzburg seine Praxistätigkeit in einer Mietwohnung wieder auf. Sein Haus war zerstört, seine Gesundheit durch eine vorübergehende KZ-Haft in Buchenwald 1938 und das folgende permanente Menetekel erneuter Verhaftung und physischer Vernichtung angegriffen. Dennoch blieb er, wie die lokale Presse anlässlich runder Geburtstage rühmte, als „hochgeschätzte[r] Arzt und Mensch“ bis an sein Lebensende tätig – nicht ganz freiwillig, wie sein Enkel erinnert: „[…] da er, von den Nazis aus der Ärzteversorgung ausgeschlossen, sich weigerte, hier hohe Nachzahlungen zu leisten […].“

Literatur:
Damskis, Linda Lucia. Zerrissene Biografien. Jüdische Ärzte zwischen nationalsozialistischer Verfolgung, Emigration und Wiedergutmachung. München 2009, S. 122-135.

 

 

 

 

 

Abb. mit frdl. Genehmigung von Priv.-Doz. Dr. med. Hans Ikenberg, dem Enkel des verfolgten Arztes.